Lokalisierung, ein durchgerechnetes Beispiel

Dasselbe Buch,
dreimal geschrieben

Kein Werbetext, sondern ein Protokoll. Jede Entscheidung, jede Zahl und die zwei Fehler, die uns dabei unterlaufen sind.

Everyone Is Difficult, englische Ausgabe
Englisch
Everyone Is Difficult
„Alle sind schwierig. Auch du.“, deutsche Ausgabe
Deutsch
Alle sind schwierig. Auch du.
Todos somos difíciles, spanische Ausgabe
Spanisch
Todos somos difíciles

Das ist ein eigener Titel, kein Kundenauftrag. Die deutsche Ausgabe ist noch nicht lange genug im Handel, um mit Verkaufszahlen zu argumentieren. Die Arbeit können wir zeigen, und genau die bezahlst du.

Der Bericht beschreibt die deutsche Ausgabe. Die spanische ist inzwischen denselben Weg gegangen, mit einer Ausnahme. Am Ende prüfte kein Muttersprachler den Text. An seine Stelle traten die Messungen, die auf der Seite Lokalisierung erklärt sind. Die beiden Fehler von damals kamen nicht wieder. Sechs neue kamen hinzu, und auch die stehen hier.

Der Titel ist keine Übersetzung, sondern eine Entscheidung

Everyone Is Difficult überlässt es dem Leser zu merken, dass er mitgemeint ist. Das Deutsche kann es kürzer, also sagt die deutsche Ausgabe es ihm im Titel ins Gesicht. Alle sind schwierig. Auch du.

Das naheliegende Wort für difficult wäre nervig, und es trifft den Ton genau. Wir haben es verworfen. Nervig ist die Mitbewohnerin, die ihr Geschirr stehen lässt. Schwierig steht in der Personalakte, in der Therapiestunde und in der Wendung schwierige Gespräche, und schwierig tippt jemand in ein Suchfeld. Der Ton bleibt beim Sprachwechsel erhalten. Die Stilebene nicht. Die legen wir neu fest.

Welche Folgen diese Entscheidung hatte, zeigte sich erst im Schlusskapitel. Die englische Fassung braucht dort einen ganzen Absatz, um klarzustellen, dass der Titel in die Irre führen kann. Auf Deutsch führt er nicht in die Irre, weil der Umschlag die Sache längst geklärt hat. Also wurde der Absatz neu geschrieben statt übersetzt. Wer Kapitel für Kapitel übersetzt, schleppt ihn mit, und es fällt keinem auf.

Ein Entwurf, drei Sprachen

Der erste deutsche Umschlag entstand für sich allein, aus demselben Briefing. Er kam dem englischen nahe, aber eben nur nahe. Gegen den englischen Umschlag gemessen lag der Cremeton bei 222,193,151 statt 236,223,194, das Gold war dunkler und orangefarbener, die mittlere Helligkeit dreißig Prozent niedriger. Nebeneinander sah einer der beiden Umschläge wie ein Nachdruck des anderen aus.

Seither wird die Grafik nicht mehr neu erzeugt. Sie bleibt, Bildpunkt für Bildpunkt, und ausgetauscht wird nur die Schrift. Den Hintergrund für die neuen Buchstaben rekonstruieren wir Zeile für Zeile aus den Rändern des Umschlags selbst, damit Farbverlauf und Papierstruktur durchgehend erhalten bleiben und keine Naht entsteht.

Heraus kommen drei Umschläge, die in jedem Farbwert um höchstens zwei Punkte voneinander abweichen.

 GrundCremeGold
Englisch0, 34, 24236, 223, 194210, 159, 48
Deutsch0, 34, 24236, 221, 190209, 161, 53
Spanisch1, 34, 25238, 224, 195209, 161, 54

Dass der Satzspiegel unverändert übernommen werden konnte, war Glück und nicht Planung. Everyone, is, difficult ist ein Dreiklang, Todos, somos, difíciles auch. Das Deutsche brauchte einen vierten Schlag. Deshalb steht Auch du. abgesetzt und kleiner unter dem Titelblock, näher am Knoten als am Titel. Genau das ist dieser Satz.

Die Hilfeseite haben wir nicht übersetzt, sondern ersetzt

Die englische Ausgabe endet mit einer Seite voller Anlaufstellen. 999. Refuge. Acas. NHS 111. The Samaritans.

Nichts davon gilt im deutschsprachigen Raum. Wörtlich übersetzt hätte diese Seite einer Leserin in Berlin eine britische Notrufnummer in die Hand gedrückt.

Also entstand sie neu, für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Eine deutschsprachige Ausgabe wird in allen drei Ländern verkauft, und eine kostenlose Hilfsnummer erreicht man nur dort, wo sie eingerichtet wurde. Von den Nummern dieser Seite überschreitet nur die 112 eine Grenze, weil sie in der ganzen Europäischen Union gilt, und sie steht deshalb zuerst. Jede andere Nummer haben wir bei der zuständigen Stelle geprüft, am Tag der Erstellung.

Eine davon hätte niemand aus dem Kopf gewusst. Die Schweiz hat am 1. Mai 2026 die nationale Opferhilfenummer 142 eingeführt, drei Monate vor der Ausgabe. Sie ist ausdrücklich keine Notrufnummer, deshalb nennt die Seite bei akuter Gefahr 117 oder 144, so wie es die Schweizer Stellen selbst tun.

Wo es keine Entsprechung gibt, sagt die Seite das, statt eine zu erfinden. Ein Acas gibt es in Deutschland nicht, also verweist sie bei Diskriminierung auf die Antidiskriminierungsstelle und im Betrieb auf Betriebsrat und Gewerkschaft.

Was die Prüfungen gefunden haben

Jedes Kapitel wurde vor dem ersten Lesen maschinell mit der Ausgangsfassung abgeglichen, in fünfzehn getrennten Prüfungen. Alle achtzehn Kapitel bestanden alle fünfzehn.

Dann das Lektorat. Zuerst las ein Sprachmodell, das die englische Fassung nie gesehen hatte, den Text, danach ein Mensch. Zusammen kamen sie auf 284 Korrekturen.

Fast die Hälfte, 117 Stück, ging auf denselben Fehler zurück. Eine englische Redewendung war Wort für Wort ins Deutsche übertragen worden. So etwas übersieht genau der, dem die Vorlage danebenliegt, denn sie sagt ihm ja, was gemeint war. Deshalb bekommt das Sprachmodell im ersten Durchgang die Vorlage nicht zu sehen.

Die übrigen 167 verteilten sich auf vier Gruppen. Wir halten die Rangfolge fest, weil sie bestimmt, was das Briefing beim nächsten Buch ausdrücklich verbietet.

Die Zahlen

 EnglischDeutsch
Wörter65.71565.386
Zeichen385.371436.805
Zeichen je Wort5,866,68
Druckseiten184202
Produzierte Formate 5

Wir haben Wörter und Zeichen jeder veröffentlichten Ausgabedatei am 19. September 2026 nach einer einheitlichen Methode zweimal gezählt, mit zwei unabhängigen Zählern. Erfasst wurde der Fließtext samt Überschriften, ohne Vorspann. Die Zahl der Druckseiten entspricht der Angabe von KDP für die erschienene Ausgabe.

Gleich viele Wörter, mehr Seiten. Das ist nicht das Ergebnis, das man erwartet. Die deutsche Ausgabe braucht ein halbes Prozent weniger Wörter als die englische und dreizehn Prozent mehr Zeichen. Das Deutsche bildet Zusammensetzungen, spart dadurch aber keine Wörter, sondern verlängert sie. Genau das erklärt die achtzehn zusätzlichen Druckseiten. Dieser Unterschied bestimmt die Rückenbreite und damit den Umschlag.

Maßstab sind hier die Zeichen und nicht die Wörter. Wer Wörter zählt, hält eine vollständige Ausgabe für lückenhaft.

Was bei der spanischen Ausgabe an die Stelle des Muttersprachlers trat

Die deutsche Ausgabe wurde zum Abschluss von einem Muttersprachler geprüft. Die spanische nicht. Statt diesen Schritt stillschweigend wegzulassen, haben wir ihn durch etwas ersetzt, das sich zählen lässt. Das kam beim fertigen Manuskript heraus.

 GemessenGrenzwert
Subjektpronomen0,27 %1,20 %
Possessivpronomen0,75 %2,60 %
Gerundien0,63 %1,10 %
Passiv mit ser0,03 %0,35 %
Umfang gegenüber dem Englischen1,12×1,10 bis 1,30

Diese fünf Messgrößen sind die Fingerabdrücke, die eine englische Vorlage im spanischen Satzbau hinterlässt. Das Spanische lässt seine Subjektpronomen weg, das Englische verwendet sie. Das Spanische sagt la mano, wo das Englische his hand sagt. Eine Übersetzung, die sich zu eng ans Englische hält, übernimmt all das, und alles davon lässt sich zählen. Jeder Wert lag unter einem Fünftel seines Grenzwerts.

Danach wurde der fertige Text mit einem anderen System ins Englische zurückübersetzt und Absatz für Absatz mit dem Original verglichen. Keine einzige Zahl im Buch hatte sich verändert. Kein Prozentwert, keine Jahreszahl, keine Teilnehmerzahl, nirgends im Buch.

Diese Prüfung misst den Abstand zur Quelle, und genau das ist ihr Nutzen und ihre Grenze. Eine Zahl, die sich hätte ändern müssen, weil die Ausgabe in ein anderes Land geht, kommt unangetastet durch. Wir wissen das, weil es uns passiert ist, und es steht unten in der Liste.

Beim Lektorat gab es danach 1.129 Eingriffe in ein Manuskript, das jede maschinelle Prüfung bereits bestanden hatte, also 15,3 Eingriffe je tausend Wörter, gemessen an den 73.971 Wörtern der veröffentlichten spanischen Ausgabe. Unser Erfahrungswert liegt zwischen acht und zwanzig. Darunter greift das Lektorat zu wenig ein. Darüber schreibt es um, statt zu lektorieren.

Zwei Fehler, die keine Prüfung gefunden hat

Die Seitenzahl war zweimal falsch. Ein Satzprogramm meldete 251 Seiten, eine Hochrechnung aus dem Englischen 214. Die Druckerei sagte 202. Beide Umschläge waren da längst auf die falsche Seitenzahl abgestimmt und mussten neu erstellt werden. Die erschienene Ausgabe hat 202 Seiten.

Das Inhaltsverzeichnis führte achtzehn Einträge doppelt. Der Fehler überstand jede automatische Prüfung und sprang auf Seite drei des Probedrucks sofort ins Auge. Das ist Argument genug für ein gedrucktes Probeexemplar.

Beides steht jetzt samt Ursache im Prozessdokument. Deshalb ließ sich die spanische Ausgabe schneller produzieren als die deutsche. Auf diese beiden Fehler waren wir vorbereitet.

Am 19. September 2026 berichtigt

Die spanische Ausgabe ging mit britischen Rufnummern in den Druck. Die Seite am Buchende wurde übersetzt, statt neu recherchiert zu werden. Ein Leser in Madrid las, er solle 999 wählen, und der Schlusssatz, dass diese Angebote für Leser im Vereinigten Königreich gelten, wurde gleich mitübersetzt. Fünfzehn maschinelle Prüfungen, die Rückübersetzung und ein Lektorat ohne Kenntnis der Vorlage haben sie durchgewinkt, weil jede dieser Prüfungen den Abstand zum Englischen misst und eine originalgetreue Übersetzung keinen solchen Abstand hat. Alle drei Formate wurden am 19. September 2026 durch eine nach Ländern recherchierte Seite ersetzt, und die Prüfung, die das gefunden hätte, entsteht gerade.

Die Wortzahl in der Tabelle auf dieser Seite war falsch. Für die deutsche Ausgabe standen hier rund 51.000 Wörter. Die veröffentlichte Datei enthält 65.386, also achtundzwanzig Prozent mehr. Damit war auch die Aussage über das wortsparende Deutsch falsch, die auf dieser Seite stand. Die englische und die spanische Zahl hielten auf anderthalb Prozent. Wörter und Zeichen der Tabelle oben wurden am 19. September 2026 neu gezählt, mit einer Methode für alle drei Ausgaben. Die spanische Ausgabe hat seit dem Neusatz 260 statt 258 Seiten.

Am 6. Oktober 2026 noch einmal berichtigt. Am 19. September wurden nach einem Händlereintrag auch die Seitenzahlen der englischen und der deutschen Ausgabe geändert, von 184 und 202 auf 186 und 204. Beide waren richtig. KDP führt die erschienenen Ausgaben mit 184 und 202, und so steht es jetzt wieder in der Tabelle.

Die Richtung ist austauschbar

Dieser Bericht beschreibt die Übertragung vom Englischen ins Deutsche, weil unsere eigenen Titel auf Englisch erscheinen. Das ist eine Aussage über unseren Katalog und keine über das Verfahren. Kein Schritt darin setzt Englisch als Ausgangssprache voraus.

Der Titel wird für den Zielmarkt festgelegt und nicht aus dem Ausgangstitel abgeleitet. Die Hilfeseite wird für das Zielland recherchiert und nicht aus der Vorlage übersetzt. Und gemessen wird immer an der Zielsprache. Bei einem spanischen Text zählen wir Subjektpronomen, Possessiva und Gerundien. Bei einem deutschen Text erfassen wir den Nominalstil, die Satzlänge und wörtlich übernommene Redewendungen. Beides sind Fingerabdrücke einer fremden Vorlage, unabhängig davon, in welcher Sprache sie geschrieben war.

Ein einziger Wert hängt vom Sprachpaar ab, nämlich das Umfangsverhältnis. In unseren eigenen Messungen brauchte Spanisch dreizehn Prozent mehr Wörter als Englisch, während Deutsch gleich viele Wörter brauchte und dreizehn Prozent mehr Zeichen. Maßgeblich ist aber die Spanne, die wir anhand deiner Eichprobe festlegen, bevor der Rest des Buchs übertragen wird. Genau dabei zeigt sich auch, ob eine neue Richtung funktioniert.

Ein Buch, das auf Deutsch erschienen ist und ins Spanische übertragen werden soll, durchläuft dasselbe Verfahren mit denselben sechs Freigaben, die oben stehen. Dasselbe gilt für Übertragungen aus beiden Sprachen ins Englische.

Was du freigegeben hättest

Bei einem Kundenauftrag gibt es sechs Freigaben, und dieses Buch hat dieselben Stufen intern durchlaufen. Briefing und Richtung. Titel und Untertitel aus drei Vorschlägen. Eine Eichprobe aus drei Kapiteln. Das Cover. Der Rückentext. Die Schlussfahne.

Wer die Zielsprache nicht liest, bekommt zu jeder Freigabe eine Rückübersetzung dazu. Einen Text freizugeben, den man nicht lesen kann, ist schlechter, als ihn gar nicht freizugeben. Die siebzehn mittleren Kapitel legen wir nicht zur Freigabe vor. Sie werden maschinell mit der Ausgangsfassung abgeglichen, und ein Sprachmodell, das das Original nie gesehen hat, liest sie ohne Vorlage.

Das ist ein Buch in drei Sprachen. Die englische Ausgabe wurde geschrieben. Die beiden anderen entstanden mithilfe dieses Prozessdokuments und wurden dadurch schneller produziert. Wenn du ein Buch hast, das sich schon verkauft, findest du dasselbe Verfahren auf der Seite Lokalisierung, mit den Preisen und mit dem, wovon wir abraten.